Warum dieser Artikel mehr erklärt als nur ADHS und ADS

Vermutlich bist du hier gelandet, weil du wissen möchtest, was ADHS eigentlich ist. Vielleicht hast du nach ADHS und ADS bei Erwachsenen gesucht. Vielleicht hat jemand in deinem Umfeld eine Diagnose bekommen oder vielleicht stolperst du seit Monaten über Videos, Podcasts und Artikel und denkst jedes Mal:
„Moment mal … das klingt verdächtig nach mir.“
Dann bist du hier genau richtig. Denn bevor wir über Symptome oder Diagnose sprechen, möchte ich mit etwas beginnen, dass viele Menschen erst sehr spät erfahren:
Nicht jedes Gehirn arbeitet gleich. Und das ist zunächst einmal völlig normal.
Stell dir für einen Moment zwei Menschen vor, die denselben Raum betreten. Der eine bemerkt den Schreibtisch, die Tür, den Stuhl und die wichtigsten Informationen. Der andere bemerkt ebenfalls den Schreibtisch, aber auch das flackernde Licht, den Geruch des Kaffees, die Unterhaltung im Hintergrund, die offene Schublade, das Bild an der Wand und die Idee für ein neues Projekt. Zusätzlich kommt die Erinnerung daran, dass die Waschmaschine noch ausgeräumt werden muss und dass du unbedingt noch ein Geburtstagsgeschenk organisieren musst.
Keines dieser Gehirne ist besser oder schlechter. Sie arbeiten einfach unterschiedlich. Und genau hier beginnt das Thema Neurodivergenz.
Was bedeutet eigentlich neurodivergent?


Ein Wort, das zunächst komplizierter klingt, als es eigentlich ist. Neurodivergent bedeutet vereinfacht gesagt, das Gehirn verarbeitet Informationen auf eine andere Weise als der gesellschaftliche Durchschnitt. Der Durchschnitt wird häufig als neurotypisch bezeichnet.
Dabei geht es weder um Intelligenz noch um Charakter, nicht um Disziplin und auch nicht darum, ob ein Mensch erfolgreich, kreativ oder organisiert ist. Es geht lediglich darum, wie das Gehirn Reize, Aufmerksamkeit, Gedanken und Informationen verarbeitet.
Manche Gehirne arbeiten wie ein aufgeräumter Schreibtisch, benötigen klare Abläufe, feste Routinen und maximale Vorhersehbarkeit. Andere hingegen erinnern eher an einen großen Basteltisch. Überall liegen spannende Ideen und halbfertige Projekte, Gedanken, Verbindungen und Inspirationen. Wer den Basteltisch zum ersten Mal sieht, könnte Chaos vermuten. Die Besitzerin findet dagegen meistens alles.
Zu den bekanntesten Formen von Neurodivergenz gehören unter anderem:
ADHS und ADS
Autismus
Legasthenie & Dyskalkulie
Hochbegabung
Jede dieser Ausprägungen bringt eigene Besonderheiten mit sich. Deshalb sehen neurodivergente Menschen oft völlig unterschiedlich aus. Der eine Mensch braucht absolute Ruhe, um sich konzentrieren zu können und die nächste Person denkt am besten mitten im Trubel. Der eine liebt feste Ablaufe und die andere bekommt schon beim Gedanken an feste Abläufe leichte Fluchtgedanken.
Keines dieser Gehirne ist falsch. Keines davon ist automatisch besser. Sie funktionieren schlicht unterschiedlich. Und genau deshalb hilft der Begriff Neurodivergenz vielen Menschen sich einzuordnen. Er verschiebt die Frage weg von:
„Warum bin ich so?“
Hin zu: „Wie funktioniert mein Gehirn eigentlich?“
Und meistens beginnt genau dort das eigentliche Verständnis.
Was ist ADHS überhaupt?

ADHS- Ein paar Buchstaben, die eine Mischung aus Fragezeichen und manchmal sogar auch Erleichterung bedeuten. Kurz und knapp erklärt, steht ADHS für Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung.
Dabei handelt es sich um eine neurologische Besonderheit, bei der das Gehirn Reize und Informationen anders verarbeitet. Grund dafür ist ein Ungleichgewicht der Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin im präfrontalen Kortex- der Steuerungszentrale des Gehirns.
Zu den Kardinalsymptomen gehören:
Aufmerksamkeitsdefizit: Konzentrationsprobleme und schnelle Ablenkbarkeit
Hyperaktivität: Ausgeprägte körperliche Bewegungsdrang als auch innere Unruhe
Impulsivität: Betroffene handeln oft unüberlegt und vorschnell. Außerdem können sie negative Konsequenzen von Verhalten nicht gut voraussehen.
Nicht jede Person mit ADHS zeigt alle Symptome gleich ausgeprägt. Daher wird zwischen 3 Typen unterschieden:
- Der vorwiegend unaufmerksame Typ ( ADS): Betroffene wirken oft abwesend, verträumt und haben große Schwierigkeiten, Aufgaben zu Strukturieren oder sich über längere Zeit zu konzentrieren
- Der vorwiegend hyperaktive- impulsive Typ: Ist gekennzeichnet durch ständigen Bewegungsdrang und impulsives Verhalten (Ungeduld, lautes reden, Unterbrechen anderer)
- Der Mischtyp: Eine Kombination aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität
Im Gehirn regulieren Botenstoffe, die Weiterleitung von Signalen zwischen den Hirnzellen. Sie leiten Informationen weiter, die unser Erleben und Verhalten:
- steuern
- auslösen oder
- hemmen.
Die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin sorgen zum Beispiel dafür, dass wir motiviert und wach sind und unsere Aufmerksamkeit gezielt halten können. Bei ADHS stehen diese im Gehirn, dort wo sie gebraucht werden, aber nicht zuverlässig in ausreichender Menge oder zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung.
Das heißt erstens: Reize der Außenwelt werden anders verarbeitet. Statt sich auf eine Sache zu konzentrieren, nehmen Menschen mit ADHS viele Reize aus ihrer Umgebung ungefiltert und gleichzeitig wahr.
Und zweitens: können sie ihr Verhalten weniger gut steuern. Das zeigt sich zum Beispiel in impulsivem Verhalten oder schnellem Abgelenkt sein.
Stell dir vor, dein Gehirn ist wie ein Auto. Das Auto funktioniert, der Motor ist intakt. Bei Menschen ohne ADHS funktioniert die Kraftstoffversorgung meist zuverlässig. Der Motor bekommt genau dann genug Benzin, wenn Leistung benötigt wird. Das Auto fährt ruhig, reagiert kontrolliert und kommt normalerweise dort an, wo der Fahrer hinmöchte.
Bei ADHS ist das anders. Der Tank ist nicht leer. Es ist sogar genug Benzin vorhanden. Die Herausforderung ist, dass die Kraftstoffversorgung nicht immer zuverlässig arbeitet. Mal bekommt der Motor zu wenig Treibstoff, mal genug und manchmal sogar besonders viel.
In bestimmten Situationen öffnet sich das Ventil weit genug, sodass der Motor plötzlich enorme Leistung liefern kann oder Situationen in denen das Auto anfängt zu rütteln. Der Fahrer merkt, dass der Motor nicht rund läuft und beginnt ständig Gas, Kupplung und Gangschaltung zu korrigieren. Er wird nervös und macht die Warnblinkanlage an.
Einfache Erklärungen, die mir geholfen hat das WARUM bei ADHS und ADS zu verstehen

Bevor wir weitermachen, möchte ich dir meine vereinfachte Erklärungen vorstellen. Sie beschreibt nicht die gesamte Wissenschaft hinter ADHS. Tatsächlich ist das Thema deutlich umfangreicher. Trotzdem hat mir keine andere Erklärung so sehr dabei geholfen, meine Kinder und mich selbst zu verstehen, als diese.
Unser Gehirn braucht Motivation

Aber was bedeutet Motivation eigentlich?

Wenn wir von Motivation sprechen, denken viele Menschen an Willenskraft, Disziplin oder daran, wie sehr man etwas möchte. Tatsächlich beschreibt Motivation etwas ganz anderes. Motivation bedeutet nicht einfach Lust oder Willenskraft. Motivation beschreibt exakt den Moment, in dem das Gehirn eine Handlung auslöst und sagt: “ Jetzt geht’s los“.
Deshalb können Menschen mit ADHS etwas sehr stark wollen und trotzdem Schwierigkeiten haben, ins Handeln zu kommen. Sie wollen Dinge genauso erledigen wie andere Menschen. Sie möchten die E-Mail beantworten, die Wohnung immer perfekt aufräumen und für die Prüfung lernen. Und trotzdem stellt das Gehirn nicht genügend „Jetzt lohnt es sich, anzufangen“-Signale bereit.
Darum beschreiben viele Menschen mit ADHS ihre Schwierigkeiten nicht als mangelndes Wollen, sondern als das frustrierende Gefühl, zwischen Absicht und Handlung festzustecken. Und jetzt ergibt es auch Sinn weshalb:
- Interesse
- Begeisterung
- Zeitdruck
- Belohnung
- Bewegung
oder zusätzliche Reize manchmal einen erstaunlichen Unterschied machen. Sie liefern dem Gehirn die nötige Aktivierung, die zuvor gefehlt hat, weil Motivation nämlich nicht einfach nur durch einen Gedanken entsteht. Motivation entsteht im Gehirn durch verschiedene Botenstoffe, vor allem Dopamin und Noradrenalin, weshalb ein Wunsch etwas völlig unspektakuläres zu tun , das Gehirn noch nicht automatisch in den Handlungsmodus versetzt.
Das ist übrigens auch der Grund, weshalb dieser Satz: “ Dann mach es eben ohne Lust“ bei ADHS viel zu kurz greift. Er setzt voraus, dass der Wunsch allein genügt um anzufangen. Das ist zu einfach gedacht. Etwa so, als würde man einem Menschen mit Depression sagen: “ Na dann freu dich doch einfach.“ Denn in beiden Fällen wird leider übersehen, dass hinter diesem Verhalten ein komplexer biochemischer Prozess steht, der sich nicht auf Knopfdruck verändern oder steuern lässt.
Botenstoffe helfen dem Gehirn zu erkennen:
„Das ist wichtig, darum sollten wir uns jetzt kümmern, los geht’s.“
Wenn diese Aktivierung nicht zuverlässig funktioniert, kann selbst eine wichtige Aufgabe unglaublich schwer erscheinen. Ein neurotypisches Gehirn bewertet eine Aufgabe zum Beispiel so:
Die Steuererklärung muss gemacht werden. Die Aufgabe macht keinen Spaß.
Das Gehirn erkennt jedoch:
„Das ist wichtig.“
Daraufhin wird ausreichend Aktivierung bereitgestellt, damit die Handlung überhaupt erst beginnen kann. Diese Aktivierung erleben wir als Energie oder Antrieb.Treu dem Motto:
„Wenn du keine Lust hast es zu machen, dann musst es halt ohne Lust machen.“
Beim ADHS-Gehirn kann aber etwas anderes passieren. Die Person weiß ebenfalls, dass die Aufgabe wichtig ist. Sie möchte sie sogar erledigen, auch wenn sie keine Freude bereitet. Die Herausforderung liegt also häufig nicht im Wissen und auch nicht im Wunsch, sondern in der Aktivierung, die aus einem Wunsch überhaupt erst eine Handlung macht.
Daher bedeutet ADHS nicht zwangsläufig, dass etwas unmöglich ist, nur dass der Weg dorthin deutlich mehr Kraft kostet. Menschen mit ADHS erledigen ihre Aufgaben durchaus gewissenhaft. Sie machen ihren Abschluss, führen ein Familienleben, gehen arbeiten und funktionieren von außen betrachtet oft ganz normal. Weshalb die entscheidende Frage nicht ist, ob sie all das hinbekommen, sondern vielmehr: “ wieviel Energie musste ihr Gehirn investieren, um es überhaupt zu schaffen?“

Welche Rolle spielt Dopamin

Wir denken bei Dopamin zuerst an Glück oder Belohnung. Dabei hat Dopamin viel mehr mit Motivation, Interesse und Aufmerksamkeit zu tun. Vereinfacht gesagt hilft Dopamin dem Gehirn dabei zu entscheiden:
„Beschäftige dich damit.“
Je interessanter, spannender oder lohnender etwas erscheint, desto leichter fällt es dem Gehirn, Aufmerksamkeit darauf zu richten.
Ein gutes Beispiel sind Sportler. Viele kennen das Gefühl nach einer intensiven Trainingseinheit. Man fühlt sich unglaublich gut, wacher, klarer, motivierter und oft sogar ausgeglichener.
Das liegt unter anderem daran, dass körperliche Aktivität verschiedene Botenstoffsysteme aktiviert, die mit Motivation, Aufmerksamkeit und Wohlbefinden zusammenhängen.
Der Körper bekommt gewissermaßen das Signal: „Das bringt uns was, lass uns das machen, wir fühlen uns dann gut.“
Natürlich ist ADHS nicht mit Sport vergleichbar. Das Beispiel zeigt jedoch, wie stark unser Verhalten davon beeinflusst wird, ob unser Gehirn genügend Aktivierung durch Botenstoffe erhält.
Was bedeutet das für ADHS?

Simpel ausgedrückt scheint das ADHS-Gehirn häufiger auf der Suche nach genau dieser Aktivierung zu sein.
Deshalb reagieren viele Menschen mit ADHS besonders stark auf:
- neue Ideen
- winkende Belohnungen
- spannende Projekte
- Herausforderungen
- Abenteuer
- interessante Gespräche
- neue Hobbys
- Musik
- Bewegung
Und jetzt lehne ich mich einmal ein kleines Stück aus dem Fenster. Ich glaube, dass Menschen mit ADHS ihren Alltag unbewusst damit verbringen, genau diese Aktivierung künstlich zu erzeugen und kleine Abenteuer einzubauen. Weil ihr Gehirn manchmal einen kleinen Funken mehr braucht, um die Botenstoffausschüttung im Gehirn in Gang zu setzten, damit der Motor überhaupt erst anspringt. Klingt verrückt? Vielleicht. Funktioniert es? Erstaunlich oft.
Nehmen wir einmal die Routineaufgabe, Wäsche falten. Die Wäsche selbst? Ehrlich gesagt ungefähr so spannend wie eine Zimmerpflanze beim wachsen zuzusehen. Also was passiert?
Ich zum Beispiel, sammle gewissenhaft mindestens drei Körbe Wäsche, bevor ich überhaupt anfange mich dieser Tätigkeit zu widmen, schalte aber grundsätzlich meine Lieblingsserie dabei ein. Manchmal starte ich sogar meine innere kleine Challange. Ich schaue auf die Uhr und setzte mir das Ziel in genau 15 Minuten fertig zu sein. Wenn ich gewonnen habe, gebe ich mir selber ein riesen großes Eis, mit Sahne, Schokosauce und bunten Streuseln als Belohnung aus. Und in 99 % der Fälle gewinne ich meinen eigenen Wettkampf.
Daher glaube ich, wir versuchen dabei garnicht, der unliebsamen Wäsche zu entkommen. Wir versuchen vielmehr, eine Art Dopamin- Kick für unser Gehirn zu erzeugen, damit es die Energie bereitstellt, die wir für diese Aufgabe brauchen.
Vielleicht sind Menschen mit ADHS deshalb manchmal die besten Eventmanager ihres eigenen Gehirns. Bevor die Wäsche gefaltet wird, wird erst einmal die passende Serie organisiert. Beim super langweiligen Papierkram gibt es zum Beispiel einen spanenden neuen Podcast zusammen mit einem besonders leckeren Lieblingskaffe. Und zum putzen läuft die perfekte Playlist.
Unser Gehirn sagt einfach:
“ Würdest du bitte noch ein wenig Spannung drauflegen? Dann mache ich sehr gerne mit.“
Warum viele Menschen mit ADHS ständig in Bewegung sind


Wenn das Gehirn nach Aktivierung sucht, ergibt plötzlich auch Hyperaktivität Sinn. Die Meisten denken bei Hyperaktivität an Kinder, die nicht still sitzen können. Bei Erwachsenen zeigt sie sich oft deutlich subtiler. Das Bein wippt, die Hände spielen mit einem Stift, man wechselt ständig die Sitzposition oder redet ohne Punkt und Komma.
Man läuft beim telefonieren durch die Wohnung, kritzelt während eines Gesprächs, sucht unbewusst nach kleinen Bewegungen. Dabei sind diese Bewegungen häufig kein Zeichen von mangelnder Konzentration, sondern ein unbewusster Versuch, das Gehirn durch zusätzliche Reize wach zu halten, was die Konzentration bei Langeweile erleichtern oder innere Anspannung reduzieren kann.
Was Hyperaktivität eigentlich bedeutet

Das Wort Hyperaktivität führt leider immer noch regelmäßig zu Missverständnissen. Viele stellen sich darunter jemanden vor, der ununterbrochen herumläuft, laut ist oder keine Minute still sitzen kann. Tatsächlich kann Hyperaktivität sehr unterschiedlich aussehen.
Hyperaktivität wird heute eher als Folge einer veränderten Regulation von Dopamin und Noradrenalin verstanden und ist vermutlich ein äußerst cleverer und natürlicher Versuch des Gehirns, eine unausgeglichenes Aktivierungniveau auszugleichen und zu stabilisieren.
Manche Menschen erleben sie deutlich körperlich. Andere fast ausschließlich innerlich. Und viele bewegen sich irgendwo dazwischen. Hyperaktivität beschreibt im Grunde einen erhöhten Bewegungsdrang. Wie stark dieser sichtbar wird, kann sehr unterschiedlich ausfallen.
Durch Bewegung , Zappeln, Aufstehen, Herumlaufen oder ständiges Beschäftigen versucht das Gehirn , sich selbst zu stimulieren und die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Die Hyperaktivität ist also nicht das Problem selbst, sondern eine Reaktion auf die zugrunde liegende Dysregulation der Botenstoffe.
Wenn Hyperaktivität körperlich sichtbar wird

Es gibt viel Erwachsene mit ADHS, deren Energie auch nach außen deutlich wahrnehmbar ist. Längeres Sitzen fällt schwer. Warten fühlt sich unangenehm an. Der Körper möchte unbedingt aufstehen, herumlaufen und etwas tun. Manche telefonieren grundsätzlich im Gehen. Andere laufen durch die Wohnung, während sie nachdenken. Wieder andere verspüren einen starken Bewegungsdrang und brauchen regelmäßig Sport oder spannende Aktivitäten, um sich ausgeglichener zu fühlen. Und einige beschreiben das Gefühl, dauerhaft „unter Strom“ zu stehen, als würde ständig Energie entstehen, die irgendwohin möchte.
Die leisen Formen von Hyperaktivität

Bei ADHS kann Hyperaktivität allerdings auch viel unauffälliger auftreten.
Vielleicht sitzt du gerade auf dem Sofa und der Film läuft. Von außen betrachtet wirkt alles entspannt. Und trotzdem verändert sich die Sitzposition immer wieder. Ein Bein wird angewinkelt. Dann ausgestreckt. Das Kissen wandert. Die Decke wird neu sortiert. Kurz darauf sitzt man wieder anders. Nicht bewusst. Einfach weil der Körper ständig kleine Anpassungen sucht.
Bei anderen zeigt sich Hyperaktivität in winzigen Bewegungen. Der Ring am Finger wird gedreht. Mit dem Finger entsteht ein leises Trommeln auf dem Tisch. Der Kugelschreiber klickt. Kaugummi kauen beim Lernen. Die Zehen bewegen sich in den Schuhen. Eine Haarsträhne wird um den Finger gewickelt. Der Fuß wippt unter dem Schreibtisch.
Von außen wirken diese Bewegungen oft bedeutungslos. Manche Fachleute vermuten, dass solche Bewegungen dabei helfen können, innere Spannung zu regulieren.
Die „Hyperaktivität“, die niemand sehen kann

Und dann gibt es noch die Form von „Hyperaktivität“, die häufig übersehen wird. Die innere Unruhe. Sie fühlt sich manchmal an wie ein Motor, der niemals vollständig ausgeschaltet wird. Selbst an ruhigen Tagen, im Urlaub und auf dem Sofa.
Der Körper sitzt still. Das Gehirn arbeitet weiter. Gedanken und Erinnerungen tauchen auf und Gespräche werden innerlich fortgeführt. Pläne entwickeln sich. Und to-do- Listen melden sich plötzlich zurück.
Manche Menschen mit ADHS beschreiben dieses Gefühl wie einen Fernseher, der dauerhaft im Hintergrund läuft. Andere sprechen von einem Motor im Leerlauf.
Was bedeutet konzentrieren eigentlich ?


Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Aufmerksamkeit und Konzentration nicht dasselbe ist.
Aufmerksamkeit bedeutet: Informationen wahrzunehmen.
Konzentration bedeutet: Die Aufmerksamkeit über einen bestimmten Zeitraum bewusst auf eine Sache zu richten und dabei andere Sinneseindrücke auszublenden.
Oder einfacher gesagt:
Konzentration ist die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben, obwohl ständig andere Dinge um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren.
Neurotypisches Gehirn:
Das Gehirn erkennt:
„Wir sitzen im Café und unser Gegenüber spricht.“
Andere Sinnesreize werden herunter gefiltert.
Die Konzentration bleibt bei dem Gespräch.
ADHS-Gehirn:
Das Gehirn bewertet viele Sinnesreize wie zum Beispiel Fühlen, Geräusche und Gerüche gleichzeitig.
- Das kratzende Etikett im Nacken
- Der enge Kragen
- Störende Nähte
- Zugluft
Das ADHS Gehirn meldet: “ Da stimmt was nicht“
- Das Kratzen der Kreide auf der Tagestafel
- Das Radio, den Sender, das Lied
- Die Unterhaltungen der Nachbartische
- Das Klirren der Gläser am Tresen
- Das Münzgeld im Portmonee des Kellners
- Ein Vogel vor dem Fenster.
- Ein Lichtreflex an der Wand.
- Das flackernde Licht in der Lampe
- Gerüche aus der Küche, vom Essen der Nachbartische und das Parfüm des Gegenübers
Alles kämpft gleichzeitig um Aufmerksamkeit, weshalb oft das Gefühl entsteht:
„Ich muss mal kurz raus an die frische Luft“ oder “ Boah… ich kapiere gerade überhaupt nichts mehr“
Das Gehirn hat Schwierigkeiten, wichtiges von unwichtigem zu trennen. Dabei ist Konzentration das Ergebnis mehrerer Gehirnprozesse, die zusammenarbeiten müssen.
Das Gehirn muss:
- Wichtiges erkennen
- Unwichtiges ausblenden
- Aufmerksamkeit halten
- Impulse unterdrücken
- Energie bereitstellen
Fällt einer dieser Prozesse aus, wird Konzentration schwierig. Und hier kommen Dopamin und Noradrenalin wieder ins Spiel, weil diese Botenstoffe unter anderem dem Gehirn dabei helfen, Informationen zu bewerten um sich von Außenreizen abgrenzen zu können. Bei Menschen mit ADHS ist der Dopaminhaushalt im Gehirn aber verändert, weshalb die Reizfilterung nur unzureichend funktioniert.
Mit anderen Worten:
Statt nur die wichtigen Informationen hervorzuheben, gelangen oft zu viele Eindrücke gleichzeitig ins Bewusstsein. Auf Dauer kostet das enorm viel Kraft und kann schnell zu einer Reizüberflutung führen. Kein wunder also weswegen sich Menschen mit ADHS teils nach einem ganz gewöhnlichen Tag wie erschlagen fühlen.
Reizüberflutung: Warum wir nach Reizen suchen und gleichzeitig von ihnen erschöpft sind


Jetzt kommt ein scheinbare Widerspruch im ADHS Kontext. Wenn das Gehirn ständig nach interessanten Reizen sucht um das Aktivierungsniveau zu halten, warum fühlen sich dann viele Menschen mit ADHS so schnell überfordert, erschöpft und ausgebrannt?
Die Antwort lautet:
Weil Reizsuche und Reizfilterung zwei unterschiedliche Prozesse sind. Das Gehirn sucht nicht nach möglichst vielen Reizen. Es sucht nach den Reizen, die es benötigt, um ausreichend aktiviert zu sein. Das Problem ist nur, dass das ADHS Gehirn leider ungefiltert und gleichzeitig alle anderen Eindrücke kostenlos mitgeliefert bekommt.
Stell dir vor du bist voller Freude auf einer Kirmes und kannst es nicht erwarten alle Geräte der Reihe nach zu fahren. Du siehst hier die Schießbude, dort den Zuckerwattestand, dahinten die Achterbahn, du hörst den dröhnenden Kirmes- Techno, schreiende Kinder, du riechst die gebrannten Mandeln und das Dixi- Klo. Am Ende? Bist du nur auf dem Brakedance gefahren und hast dich auch noch verlaufen. Wo bin ich? Was wollte ich eigentlich? Und was mache ich jetzt am besten als nächstes?
Du hast also nicht aktiv nach all diesen Eindrücken gesucht. Aber das Nervensystem arbeitet ununterbrochen auf Hochtouren. Deshalb entsteht Erschöpfung durch das, was wir tun und auch durch das, was wir non stop wahrnehmen.
Manchmal fühlen wir uns müde, obwohl der Tag noch gar nicht richtig begonnen hat. Nicht weil wir bequem sind und auch nicht weil wir zu wenig belastbar sind. Sondern weil unser Gehirn bereits Stunden damit verbracht hat zu verarbeiten. Was andere als Alltag erleben, kann für ein ADHS Gehirn ein Strom aus Informationen sein, der niemals ganz abschaltet.
Deshalb sind wir nicht erschöpft, weil wir zu wenig leisten. Viel mehr sind wir erschöpft, weil unser Nervensystem jeden Tag mehr trägt, als andere sehen können.
ADHS sucht kein Chaos. ADHS sucht Aktivierung. Und das Chaos entsteht, weil die Filterung nicht zuverlässig funktioniert.
Warum Hyperfokus kein Widerspruch ist

Das ist einer der Gründe, warum ADHS oft missverstanden wird. Wenn Menschen mit ADHS grundsätzlich zu wenig Botenstoffe für die Steuerung von Konzentration hätten, dürfte Hyperfokus eigentlich gar nicht existieren. Doch genau das Gegenteil passiert.
Mit Hyperfokus ist gemeint, dass ein Mensch mit ADHS seine Aufmerksamkeit zeitweise so stark auf eine Sache richtet, dass alles andere in den Hintergrund tritt und eine extrem starke Konzentration für etwas aufbringt, dass das Gehirn gerade interessant, spannend oder belohnend findet.
Dann öffnet sich bildlich gesprochen das Ventil der Kraftstoffversorgung im Auto weit. Der Motor bekommt plötzlich reichlich Energie. Betroffene bezeichnen es gerne als : “ ich bin on fire“ oder “ ich bin im Flow“.
In solchen Momenten können Menschen mit ADHS außergewöhnlich kreativ und leistungsfähig sein. Gleichzeitig aber auch alles um sich herum ausblenden, bis hin zu, unregelmäßig essen und ungenügend trinken. Deshalb ist ADHS keine Aufmerksamkeitsstörung im Sinne von „zu wenig Aufmerksamkeit“, sondern im Sinne von Aufmerksamkeitssteuerung durch Konzentration.
Warum Impulsivität dazugehört


Impulsivität passt tatsächlich sehr gut in das Gesamtbild und lässt sich aus derselben Erklärung auch besser verstehen.
Wenn wir nämlich bei den bisherigen Erklärungen bleiben, hängen Konzentration, Hyperaktivität und Impulsivität alle mit der Steuerung des Gehirns und Botenstoffen zusammen. Das Gehirn muss ständig entscheiden was wichtig ist und welche Impulse stoppe ich.
Was genau passiert bei Impulsivität?
Vereinfacht gesagt reagiert der Stopp- Mechanismus oft zu spät oder zu schwach. Aber ein Impuls entsteht zunächst bei jedem Menschen.
Das Keks Beispiel
Eine Person sitzt am Schreibtisch und neben ihr steht eine Packung Kekse. Eigentlich möchte sie nur einen essen.
Gehirn ohne ADHS
Die Person nimmt einen Keks. Sie isst ihn.
Dann denkt sie: „Lecker.“
Der innere Prüfer fragt: „Möchtest du noch einen?“
Die Person überlegt kurz.
Vielleicht nimmt sie noch einen. Vielleicht nicht.
Zwischen Impuls und Handlung liegt ein kleiner Moment des Nachdenkens. Eine Entscheidung wird getroffen.
ADHS Gehirn
Die Person nimmt einen Keks und der Keks schmeckt sehr gut.
Das Belohnungssystem springt sofort an: „Yeah… Das war schön.“
Die Hand greift fast automatisch nach dem nächsten, und dem nächsten, und wieder nach dem nächsten.
Und plötzlich schaut die Person auf die Packung und denkt: „Moment mal. Wo sind die Kekse hin?“
Was passiert hier eigentlich?
Der Unterschied liegt weder bei der Intelligenz, noch bei der Disziplin. Der Unterschied ist dieser winzige Moment zwischen:
„Ich möchte das.“ und „Ich tue das.“
Bei ADHS ist dieser Abstand manchmal kürzer. Die Handlung startet, bevor der innere Prüfer seine Arbeit vollständig beendet hat.
Und wenn etwas richtig interessant, spannend oder emotional bedeutsam ist, reagiert das ADHS-Gehirn häufig auch noch schneller. Die Idee fühlt sich gut an, der Gedanke erscheint wichtig, der Impuls ist sofort da und die Handlung ist manchmal schneller als die Bewertung.
Deshalb handeln viele Menschen mit ADHS manchmal spontaner als andere. Zum Beispiel kaufen sie etwas ungeplant, sagen spontan zu, beginnen ein neues Projekt oder begeistern sich innerhalb weniger Minuten für eine völlig neue Idee.
Vergesslichkeit bedeutet nicht Gleichgültigkeit

Ein Punkt, der viele Betroffene belastet, ist die Vergesslichkeit. Und nicht selten entstehen dadurch Missverständnisse, wodurch sie zu den häufigsten Herausforderungen bei ADHS gehören. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet, ein Termin wird vergessen, ein Geburtstag rutscht durch.
Von außen wirkt das manchmal wie Desinteresse. Dabei vergessen Menschen mit ADHS oft gerade die Dinge, die ihnen wichtig sind.
Menschen mit ADHS haben meistens kein grundsätzlich schlechtes Gedächtnis. Das sieht man daran, dass viele sich an Details aus ihrer Kindheit, an interessante Hobbys oder bestimmte Gespräche hervorragend erinnern können.
Aber warum ist das so?
Der Schlüssel ist das sogenannten Arbeitsgedächtnis. Das Langzeitgedächtnis funktioniert bei ADHS oft völlig normal. Manchmal sogar außergewöhnlich gut. Die Schwierigkeit liegt häufig davor.
Stell dir vor, dein Gehirn ist ein Büro. Im Archivraum hinten (Langzeitgedächtnis) gibt es unzählige Ordner. Dort können Informationen jahrelang gespeichert werden.
Davor steht jedoch ein Schreibtisch. Das ist das Arbeitsgedächtniss. Alles, was du gerade tun, merken, planen oder im Kopf behalten musst, landet als Notizzettel auf diesem Tisch. Der Archivar im Hintergrund soll die wichtigen Zettel nach und nach in Ordner einsortieren und nach hinten ins Archiv bringen. Bei einem neurotypischen Gehirn werden wichtige Zettel oft beschwert. Zum Beispiel mit Bücher oder kleine Gewichte. Dadurch bleiben sie trotz neuer Informationen an ihrem Platz und der Archivar hat genügend Zeit, sie einzusortieren.
Bei ADHS könnte man sich das so vorstellen:
Die Zettel kommen genauso auf den Tisch, aber viele wichtige Zettel werden nicht ausreichend beschwert. Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin helfen normalerweise dabei zu entscheiden, diese Zettel festzuhalten, zu markieren und vor Ablenkung zu schützten. Wenn aber diese Regulation weniger stabil arbeitet, liegen manche Zettel nur lose auf dem Tisch. Dann kommen weitere neue Zettel mit Informationen hinzu und die losen Zettel werden vom Stapel geschoben oder beim Lüften versehentlich weggeweht. Der Archivar hatte zu wenig Zeit diese Notizzettel in einen Ordner abzuheften und im Archiv zu sichern.
Die Herausforderung liegt demnach darin , Informationen lange genug im Arbeitsgedächtnis festzuhalten, damit sie verarbeitet, genutzt oder dauerhaft abgespeichert werden können. Deshalb vergessen Menschen mit ADHS oft nicht, weil sie unaufmerksam oder nachlässig sind. Vielmehr arbeitet das Regelsystem für Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung anders. Vergesslichkeit ist daher häufig eine Folge derselben Dysregulation, die auch Konzentrationsprobleme, Impulsivität und innere Unruhe beeinflusst. Die Erinnerung ist vorhanden. Sie taucht nur leider oft erst später auf, weil sie gesucht werden muss.
Das erklärt plötzlich viele typische Situationen in denen Menschen mit ADHS häufig sagen:
“ Ich wusste das doch eben noch“ oder “ Was wollte ich denn jetzt eigentlich in der Küche?“
Oder Momente zu denen sich dann das schlechte Gewissen hinzugesellt und die Frage:
„Warum habe ich es nicht einfach direkt gemach“?
Aber warum bleiben andere Informationen perfekt erhalten?
Weil interessante, spannende oder emotionale Informationen direkt riesige Briefbeschwerer bekommen. Der Archivar hat alle Zeit der Welt, sie ordentlich abzulegen. Deshalb kann die selbe Person den Haustürschlüssel suchen, aber gleichzeitig jedes Pokemon der ersten Generation kennen oder sich an Gespräche von vor zehn Jahren erinnern.

Warum viele Menschen mit ADHS kreativ sind

Auch Kreativität lässt sich teilweise durch diese Zusammenhänge erklären.
Wenn ein Gehirn ständig neue Informationen wahrnimmt, quer denkt, neugierig bleibt und ungewöhnliche Verbindungen zwischen Ideen herstellt, entstehen häufig originelle Gedanken und kreative Lösungen. Nicht jeder Mensch mit ADHS ist kreativ. Doch viele Betroffene berichten, dass sie schnell Zusammenhänge erkennen, neue Ideen entwickeln oder Probleme aus ungewöhnlichen Blickwinkeln betrachten. Genau dieselben Mechanismen, die manchmal zu Chaos oder Ablenkbarkeit führen, können unter anderen Umständen große Stärken hervorbringen.
Warum diese Erklärung so geholfen hat


Diese Erklärung hat meine Herausforderungen nicht verschwinden lassen. Sie haben mir aber geholfen, bessere Lösungen zu finden und meine Kinder besser zu begleiten.
Heute weiß ich beispielsweise, warum manche Aufgaben leichter werden, wenn nebenbei Musik als Aktivator läuft. Warum Bewegung mir hilft, mich besser zu konzentrieren. Warum neue Projekte mich sofort begeistern. Warum ich bestimmte Routinen bewusst interessanter gestalten muss, damit sie funktionieren.
Vor allem haben mir diese Zusammenhänge geholfen, mich selbst genauer zu betrachten, daraus funktionierende Strategien abzuleiten, kleine aber effektive tricks in den Alltag einzubauen und manche Herausforderungen gezielt auszugleichen oder auch einfach mal mit Humor hinzunehmen.
Dadurch konnte ich das WARUM dahinter begreifen und lernen mit meinem Gehirn zu arbeiten, meinen Haushalt zu überleben, aber genau so wenig alles immer auf ADHS zu schieben.
Denn Verständnis bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben, sondern bessere Entscheidungen treffen zu können.
Eine wichtige Einordnung

An dieser Stelle ist mir ein Gedanke besonders wichtig.
Die Vereinfachte Erklärung in diesem Artikel hilft, mein eigenes Verhalten und das meiner Kinder einzuordnen. Sie erklärt jedoch nicht jede Facette von ADHS und sie beschreibt auch nicht die Lebensrealität aller Betroffenen.
ADHS gibt es in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Während einige vor allem mit Aufschieben, Vergesslichkeit oder innere Unruhe kämpfen, sind andere so stark betroffen, dass Schule, Ausbildung, Arbeit oder das Familienleben massiv beeinträchtigt werden.
Einige geraten täglich an ihre Belastungsgrenze und andere kämpfen mit Schwierigkeiten, die weit über das hinausgehen, was sich durch Motivation, Interesse oder Aufmerksamkeit vereinfacht erklären lässt. Deshalb soll diese Erklärung vor allem eins sein: Eine Hilfe für einfaches Verständnis durch Abbildung meiner subjektiven Darstellung und keine vollständige Beschreibung von ADHS und ADS. Die Realität ist deutlich komplexer und genau deshalb erlebt jeder Mensch mit ADHS seine ganz eigenen Version davon.
ADHS und ADS bei Erwachsenen– Was ist eigentlich der Unterschied?

Stell dir zwei Menschen vor. Beide vergessen Termine, verlieren regelmäßig den Faden und beginnen Projekte voller Begeisterung. Und manchmal fragen sie sich, warum sich alltägliche Dinge anfühlen, als würde man einen riesigen Side-by-Side Kühlschrank den Berg hochschieben.
Von außen wirken sie trotzdem völlig unterschiedlich. Die erste Person spricht schnell, hat ständig neue Ideen, springt gedanklich von Thema zu Thema. Der Fuß wippt unter dem Tisch, die Hände suchen nach Beschäftigung. Der Körper scheint permanent in Bewegung bleiben zu wollen.
Die zweite Person sitzt ruhig auf ihrem Stuhl, verliert sich in Gedanken, tagträumt, wirkt eher zurückhaltend, beobachtet mehr, als sie spricht.
Viele würden vermutlich nur bei der ersten Person an ADHS denken. Dabei könnten beide dieselbe Ursache haben.
Genau hier beginnt der Unterschied zwischen ADHS und ADS.
ADS und ADHS gehören zur gleichen Familie

ADS und ADHS sind nicht völlig unterschiedlich. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie sich die Symptome zeigen. Der Begriff ADS wird heute häufig für die vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsform von ADHS verwendet. ( Hier fehlt das „H“ für körperliche Hperaktivität)
Während bei ADHS häufig Hyperaktivität oder innere Unruhe auftreten, steht bei ADS die Unaufmerksamkeit stärker im Vordergrund. Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen mit ADS automatisch ruhig sind. Und auch Menschen mit ADHS rennen nicht ständig durch die Gegend. Die Realität ist deutlich vielfältiger.
Wie sich ADS anfühlen kann

ADS wird häufig übersehen. Vor allem deshalb, weil die sichtbare Hyperaktivität oft fehlt oder deutlich schwächer ausgeprägt ist. Das Gehirn wirkt hier manchmal wie ein Nebelwald. Die Gedanken treiben vorbei und die Aufmerksamkeit wandert ab. Ein Gespräch läuft weiter, während die Gedanken längst an einem anderen Ort angekommen sind. Von außen erscheint vieles ruhig. Im Inneren passiert trotzdem eine Menge. Genau deshalb erhalten viele Menschen mit ADS ihre Diagnose erst deutlich später.
Die Mischformen sind häufiger als gedacht

Je mehr man sich mit ADHS und ADS beschäftigt, desto deutlicher wird:
Die wenigsten Menschen passen perfekt in eine Schublade. Manche erkennen sich stark im klassischen ADS wieder. Andere erleben deutlich sichtbare körperliche Hyperaktivität. Und viele bewegen sich irgendwo dazwischen.
Vielleicht fällt das Konzentrieren schwer. Gleichzeitig läuft der Fuß ständig mit. Vielleicht wirkt man ruhig, während im Kopf ununterbrochen Gedanken kreisen. Vielleicht liebt man Ruhe und verspürt gleichzeitig einen inneren Bewegungsdrang.
Genau deshalb sprechen Fachleute heute von verschiedenen Erscheinungsformen innerhalb derselben Diagnose. ADHS und ADS können sich von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich zeigen. Und genau das erklärt, warum sich so viele Betroffene erst spät in den Beschreibungen wiedererkennen.
Der größte Irrtum über ADS

ADS wird manchmal als die „leichtere Variante“ von ADHS dargestellt. Dieser Eindruck täuscht. ADS kann genauso belastend sein.
Organisation, Zeitmanagement, Vergesslichkeit, Überforderung und Erschöpfung. All diese Herausforderungen können bei ADS genauso auftreten. Sie fallen lediglich oft weniger auf. Vor allem anderen Menschen. Nicht unbedingt der betroffenen Person.
Die Grenzen sind fließend

Weil das Leben sich selten an perfekte Kategorien hält, lohnt es sich, weniger auf Schubladen zu schauen und mehr darauf, wie das eigene Gehirn tatsächlich funktioniert. Denn am Ende geht es nicht darum, in welche Kategorie jemand passt. Es geht darum, sich selbst besser zu verstehen.
Aus meiner eigenen Erfahrung fühlt sich Hyperaktivität selten wie das an, was man aus Filmen oder Schulbüchern kennt. Sie fühlt sich eher an wie ein ständiges Suchen. Nach einer bequemeren Position, nach etwas Bewegung oder nach Entlastung.
Mein Po beginnt nach kurzer Zeit zu protestieren, wenn ich länger als 10 Minuten still sitze. Auf dem Sofa verändere ich ständig meine Sitzposition. Dabei springe ich nicht auf. Ich führe Mikrobewegungen durch. Linke Pobacke. Rechte Pobacke. Die Zehe bewegen sich. Erst stützt der linke Arm den Kopf, dann der rechte Arm. Dann schweift mein Blick durchs Wohnzimmer, während ich mit dem rechten Ohr den Film lausche. Dann fällt mir ein: Eigna…. der Film läuft, pass auf, der ist gut.
Im Bett kann es ewig dauern, bis Kissen, Decke und Körper endlich so liegen, dass sich alles richtig anfühlt. Und selbst dann hält dieses Gefühl manchmal nur ein paar Minuten an. Auch meine Hände suchen häufig Beschäftigung. Ich drehe Ringe an meinem Finger, spiele mit Gegenständen und betreibe unbewusst Fidgeting.
Ich vergesse viel und sobald ich in meinem Haus von meiner Küche im Obergeschoss ins Erdgeschoss gehe, fällt mir auf einmal alles auf. Ich räume auf dem Weg dorthin unbeabsichtigt auf. Hier liegt etwas nicht richtig und dahinten auch nicht. Hier eine Socke gesehen und dort ein schiefes Kissen auf dem Sofa. Die Tasse, die auf dem Wohnzimmertisch steht, stelle ich lieber schnell auf die Treppe, damit ich sie gleich nicht vergesse mit hochzunehmen. ( Die Küche ist oben)
Unsere Hündin hat bald kein Wasser mehr im Napf, schnell auffüllen, damit ich das nicht vergesse. Auf dem weg zurück sehe ich, dass der Eingangsbereich gefegt werden muss. Also gehe ich noch einmal komplett zurück durchs Wohnzimmer bis hinten durch zur Kammer um den Besen zu holen. Ich fege, weil der eigentliche Gedanke war: jetzt bist du schon im EG, dann mach das mal schnell, eh du wieder oben bist und es vergessen wurde.
Während dessen ich aber schon für den gesamten Tag im Voraus gedacht habe und mich innerlich mindestens 10 mal dazu ermahnt habe unbedingt daran zu denken wichtige Dinge auf die Reihe zu bekommen. Das Büchergeld zu überweisen, Lagerbestellung aufzugeben, eine wichtige Angelegenheit noch einmal Glas klar mit jemanden zu besprechen, damit bloß keine weiteren Missverständnisse aufkommen.
Mein Sohn hingegen, baumelt beim Hausaufgaben machen immer mit den Beinen, kommt abends selten rechtzeitig in den Schlaf und ist nach der Schule so erschlagen, dass er sich erst einmal hinlegen muss.
Meine Tochter ist die “ ruhigere „, fordert aber regelrecht Routinen ein, geht auf die Minute pünktlich und vor allem freiwillig zu Bett, kontrolliert alles doppelt und dreifach, knibbelt mit ihren Fingern und mag es überhaupt nicht leiden abends im Bett ein Hörspiel zu hören. Sie benötigt absolute Stille um in den Schlaf zu finden.
Mein Bruder ist Körperlich aktiv, er liebt Outdoor- Aktivitäten, Stand up paddeln, Kanu Wildwassertouren, Campen, Klettern, Wandern, ist aber nicht derjenige der sich permanent im Kreis dreht oder um das Haus rennt. Er ist permanent auf Achse, zieht seines Gleichen an und lebt seine Abenteuer. Was er noch nicht kennt, ist nahezu perfekt.
Eine Bekannte, Mitte 50 ist wirklich den ganzen Tag zu Fuß unterwegs. Erst zum Bäcker, dann zum Supermarkt, dann zur Sparkasse und zum Kiosk. Nachmittags noch einmal, danach zur Nachbarin im Garten helfen, später zum Fleischer und im Anschluss noch zur Post. Und zwischendurch all die Sachen die man zuhause eben so erledigt. Wäsche waschen, Wäsche aufhängen, Garten Wässern, Flur fegen, 2 mal Saugen, 2 mal täglich kochen und regelmäßig vergessen den Herd auszustellen. Dabei kommt sie locker auf 50.000 Schritte pro Tag und fühlt sich absolut gut damit.
Und Last but not least: Mein Ehemann. Derjenige, der mit abstand der reflektierteste und ruhigste von uns ist, aber seit unseren gemeinsamen 21 Jahren mit einem kleinen schwarzen Mini-Notiz- Buch rumläuft und sich regelmäßig in seine Bad Man Cave, in sein eigenes Zimmer zurückzieht um sich in gewisser Weise von den Reizen der Außenwelt abzuschirmen.
Deshalb geht es bei ADHS und ADS bei Erwachsenen um weit mehr als Aufmerksamkeit

Denn wer ADHS oder ADS ausschließlich als Konzentrationsstörung, Hyperaktivität oder Impulsivität betrachtet, übersieht einen großen Teil des Bildes.
Im Alltag geht es häufig um Fragen wie:
- Warum vergesse ich Dinge, die mir wichtig sind?
- Warum verliere ich das Zeitgefühl?
- Warum kostet mich Organisation so viel Energie?
- Warum fühle ich mich nach einem normalen Tag oft erschöpft?
- Warum fällt es mir schwer, Prioritäten zu setzen?
Denn ADHS und ADS können sich auf sehr unterschiedliche Weise zeigen und oft deutlich anders, als die meisten Menschen erwarten.





